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Crossover in der Oper

Das Aalto-Musiktheater in Essen nimmt mit Joseph Bolognes hierzulande unbekannter Oper „L’amant anonyme“ unerwartete Wendungen und erweitert das klassische Original von 1780 um moderne Elemente wie zeitgenössische Musik, Spoken Word und Streetdance.

Im Zentrum der Handlung steht die junge Witwe Léontine, die sich nach dem Tod ihres Mannes für ein Leben im Exil entschieden und der Männerwelt entsagt hat. Auf ihrem Schloss in der Provinz lebt sie zurückgezogen, ermüdet bis traumatisiert von ihrer Ehe. Ihr bester Freund Valcour hat schon seit langer Zeit Gefühle für sie, kann ihr seine Liebe aber nicht gestehen und schreibt ihr stattdessen anonyme Briefe, die er durch den gemeinsamen Freund Ophémon überbringen lässt. Die leidenschaftlichen Zeilen des heimlichen Verehrers wecken Léontines Neugier und Gefühle; doch kann sie sich für eine neue Beziehung öffnen? Léontines vorsichtiges Interesse und leise Gefühlsregungen machen Valcour Hoffnung; doch kann er sich überwinden, seine Identität zu offenbaren?

Das zentrale Motiv des Stücks ist die Angst – vor Liebe, Zerrissenheit, Scham. Die Co-Regisseure Zsofia Geréb und Alvaro Schoeck haben die an sich banale Geschichte um einen zweiten Blickwinkel erweitert; dieser gilt der psychologisch motivierten Handlung, den Offenbarungsängsten und Kommunikationsschwächen Valcours, vor allem aber der angsterfüllten und traumatisierten Innenwelt Léontines. Um diese eigentlich viel spannendere Perspektive zu beleuchten, wird Joseph Bolognes Originaloper mit zeitgenössischen Kunstsprachen angereichert: Ein Seniorinnenquartett steht für die inneren Dämonen Léontines und schreibt ihre Arien mit Neukompositionen von SJ Hanke fort; Streetdancer vertanzen das zur Entstehungszeit obligatorische Ballett; Spoken Word Artists vertiefen mit ihren Texten die Liebesbriefe Valcours; Christina Clark und Rainer Maria Röhr betreten als „Zuschauer“ die Bühne, um dem Bühnengeschehen auf die Sprünge zu helfen. Mit der Verschmelzung verschiedener Genres und Epochen der Kunst werden die Wirkungsmöglichkeiten des Originals technisch und ästhetisch in unsere Gegenwart ausgedehnt. Darüber hinaus werden die Grenzen zwischen Bühne und Publikum relativiert, indem der Opernabend um eine halbe Stunde im Foyer verlängert wird, wo bei Buffet und Getränken, einer Talkrunde und Jazz-Combo die Zuschauer den Künstlern auf und hinter der Bühne begegnen und mit ihnen in den Austausch gehen können.

Das alles ist in der Umsetzung genauso vielschichtig und verstrickt, wie es sich auf dem Papier anliest, verdient aber insofern unsere Aufmerksamkeit, als dass die Originaloper mit teils sinnstiftenden, teils spannungsgeladenen, teils partizipativen Elementen angereichert wird und so diese potenziell museal, starr und distanziert anmutende Sparte experimentell weiterentwickelt und neue Publikümer erschließen kann.

Man wünscht sich mehr Offenheit für solche Feldstudien – in den Theatern und im Publikum –, auch wenn es ein künstlerisches und unternehmerisches Risiko bleibt, wie sich solche Konzepte letztendlich zusammenfinden, wie das Publikum reagiert und wie viele Zuschauer damit erstmalig in die Oper gelockt werden können, auch wenn (oder gerade, weil) sie allein wegen vielleicht der Spoken Word Artists kommen. Solche neuen Wege (gleichwohl sie sicher keine Universallösung sind) vorschnell als gefloppt zu erklären, beraubt die Oper Perspektiven ihrer Zukunftsfähigkeit.
Frank Stein

Weitere Pressestimmen (Quelle: Homepage Theater und Philharmonie Essen)
"Gelungene Aufführung"
"Zsófia Geréb und Alvaro Schoeck, die im Team für die Inszenierung verantwortlich sind, präsentieren eine ausgesprochen gelungene Aufführung, die Lust darauf macht, die Welt der Oper und ihrer musikalischen Varianten zu erkunden. Kein schon 1.000-fach aufgeführtes Werk lag vor den kreativen Köpfen des Aalto-Ensembles, sondern etwas Rudimentäres, Verschollenes, Unbekanntes, das mit neuem Leben gefüllt werden wollte. Diese Übung ist gelungen und damit kann das Aalto Musiktheater vielleicht auch ein ganz neues Publikum begeistern, das vielleicht keine leicht angestaubten Klassiker schätzt, sondern neugierig darauf ist, wie Spoken Art Artists, Streetdancer, ein junger Chor oder ein Seniorinnenquartett in die Aufführung integriert werden können."
Lokalkompass Essen, 17. März 2024, Frank Blum

"Dichtes Drama"
„Ähnlich verschmelzen auch die vielen einzelnen Teile, die Ivan Ivanovs verspielte Kostüme in ein Gestern und ein Heute trennen, ebenso jene der Doppelregie von Zsófia Geréb und Alvaro Schoeck. Und wenn dann irgendwann die Perkussionsbatterien zünden wie Geistesblitze, das übrige Orchester geradezu überirdisch flirrt und gleißt, die Spoken Word Artists wie Stimmen aus Léontines Kopf wirken, dazu Seniorinnen-Quartett und Tänzer Léontine umschwirren wie Ausgeburten ihrer kranken Seele, da deutet sich ein dichtes Drama an, das viel größer und tiefer ist als jenes, das kurz darauf ins Happy End mündet.“
Oper!, 20. März 2024, Georg Kasch

"Pointiert-witzig"
"Die Premiere am Samstag kam sehr gut an – und hatte auch einige Überraschungen zu bieten. [...] Zsofia Geréb inszeniert pointiert-witzig im recycelten Interieur der ebenfalls im Rokoko spielenden, gehaltvolleren Mozart-Oper 'Die Gärtnerin aus Liebe', einer Essener Produktion von 2021. [...] Für die 'Unerwarteten Wendungen' ist mit Alvaro Schoeck ein zweiter Regisseur zuständig. Er wird gleich auf mehreren Ebenen aktiv. [...] Alvaro Schoecks besonderer Clou für den Opernabend besteht in einer fiktiven Überwindung der Grenze zwischen Künstlern und Publikum. So erobern die beiden Aalto-Solisten Christina Clark und Rainer Maria Röhr als „Zuschauer“ die Bühne und begeben sich die historisch kostümierten Sänger per Videoprojektion in Essens City. Nach jeder Aufführung werden die Besucher zudem aufgefordert, im Opernfoyer für eine halbe Stunde mit den Mitwirkenden ins Gespräch zu kommen. Eine gute Idee."
Ruhr Nachrichten online, 17. März 2024, Klaus Stübler

L'amant anonyme | © Matthias Jung

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