Susanne Burkhardt
© Katrin Ribbe
„Alles ist wahr-“
Die neun Leben der Marita Lorenz
Dominik Busch
Premiere: 11.10.2019

Was wäre, wenn es Forrest Gump wirklich gäbe? Und wenn er dann noch eine deutsche Frau wäre? Zu Recht wurde Marita Lorenz der weibliche Forrest Gump des Kalten Krieges genannt. Denn wo sie auftaucht, da ist die Weltgeschichte nicht weit. Sie wird in Bremen geboren und verbringt ihre Kindheit im KZ Bergen-Belsen. Später, während der kubanischen Revolution, verliebt sie sich in Fidel Castro und wird seine Geliebte. Ihr gemeinsames Kind wird gegen ihren Willen abgetrieben; dabei verliert sie fast ihr Leben. Zurück in den USA wechselt Sie zur CIA und wird zur Anti-Kommunistin – oder doch nicht? Die Liebe zu Fidel begleitet sie ihr Leben lang. Bewaffnet mit zwei Giftpillen verführt sie Castro: doch die Pillen landen in der Toilette. Es folgen lange Jahre bei der CIA und sie hat ein ein Kind mit dem ehemaligen venezolanischen Diktator Perez-Jimenez. Und sie überlebt mehrere Attentate auf ihr Leben. Marita Lorenz feiert 2019 ihren 80. Geburtstag in Oberhausen. Wir bringen ihre Lebensgeschichten auf die Bühne.

In seinem neuen Stück, das er eigens für das Theater Oberhausen verfasst, wird der Dramatiker Dominik Busch sich nach New York City begeben und das unglaubliche Leben von Marita Lorenz in doku-fiktionaler Manier bearbeiten, noch bevor es in Hollywood verfilmt wird. Eine Superheldin, Mutter von zwei Kindern, sprunghaft und wenn’s sein muss auch bereit Gewalt anzuwenden, stoisch in ihrer Liebe. Diese Brüchigkeit steht auch in der Inszenierung von Hausregisseurin Babett Grube im Fokus. Was treibt eine Frau an, immer wieder mit offenen Armen der Gefahr entgegen zu laufen? Und wie verhält sich dieses Individuum zu zwei entgegengesetzten politischen Systemen? Zoom und Panorama-Optik werden beim Versuch dieses unglaubliche Leben einzufangen gleichermaßen von Nöten sein.

Dominik Busch wurde in Sarnen (Schweiz) geboren und studierte Philosophie und Literatur an der Universität Zürich und an der Humboldt-Universität in Berlin. 2012 nahm er teil am Dramenprozessor am Theater Winkelwiese in Zürich. Daneben schrieb er Stücke für die freie Luzerner Gruppe Zell:stoff: «Draußen die Stadt» (2014), «Der Weg der Lachse» (2016) und «Nach der Arbeit» (2018). In der Spielzeit 2015/16 war er mit Ariane Koch und Michael Fehr Hausautor am Luzerner Theater – der gemeinsame Abend «Essen Zahlen Sterben» lief 2016 am Luzerner Theater. Sein Stück «Das Gelübde» wurde 2016 am Schauspielhaus Zürich inszeniert und im selben Jahr am Deutschen Theater im Rahmen der Autorentheatertage in Berlin uraufgeführt (Regie Lily Sykes), danach lief die Inszenierung auch in Zürich. Mit seinem 2017 für den Bayerischen Rundfunkt realisierten Hörspiel «Unsere Fahrräder wiegen nichts und kosten ein Vermögen» war er eingeladen zu den ARD-Hörspieltagen in Karlsruhe und nominiert für den Hörspielpreis der Kriegsblinden. In der Spielzeit 2016/17 war Dominik Busch Hausautor am Theater Basel. Sein Stück «Das Recht des Stärkeren» wurde am Theater Basel von Felicitas Brucker uraufgeführt. Florian Fiedler besorgte in der vergangenen Spielzeit am Theater Oberhausen die deutsche Erstaufführung des Stücks und stellte den Autor damit erstmalig in Oberhausen dem Publikum vor.

Hausregisseurin Babett Grube (*1980) begibt sich in ihren Arbeiten auf die Suche nach konkreten Adressierungen ihres Publikums. Sie entwickelt hierbei eine gleichzeitig schonungslose wie ethische Arbeitsweise. Radikal stellt sie sich den Fragen „Warum jetzt?“ und „Warum hier?“. Auch das Erzählen von Weiblichkeit ist ein wiederkehrendes Thema. Mit großem Erfolg: Ihre Inszenierungen wurden zahlreich ausgezeichnet und zu Festivals eingeladen – so gewann „Demut vor deinen Taten, Baby“ von Laura Naumann beim Festival „Radikal jung“ den Publikumspreis 2013. Für „Tigermilch“ von Stefanie de Velasco wurde sie 2015 für den Deutschen Theaterpreis „Der Faust“ nominiert. In Oberhausen hatte zuletzt ihre Inszenierung von „Tod eines Handlungsreisenden“ Premiere.

Bevor ich Marita Lorenz kennenlernte, hatte ich das Wort «Garbologie» noch nie gehört. Sie sprach es englisch aus, sprach von «garbology». Ich fragte sie, was sie damit meine. Und so kam es, dass sie mir beschrieb, wie damals ihre Wohnung aussah als die science of garbage, die Wissenschaft des Mülls, ihr Beruf, und sie eine eigentliche Garbologin war: Sie bewohnte mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern ein Apartment in New York, unweit des UNO-Hauptquartiers. Im selben Haus wohnten Diplomaten aus verschiedenen Ländern – und diese galt es auszuspionieren. Maritas Aufgabe bestand darin, den Müll dieser Leute auszusortieren, um zu schauen, ob sich etwas Wichtiges darin findet. Sie ging also täglich mehrmals nach unten in den Raum, in dem der Müll aller Mieter gesammelt wurde, und durchsuchte ihn nach Briefen oder Dokumenten. Oft fand sie, wonach sie suchte, doch selten in einem Stück. Die Briefe, die Dokumente waren in unzählige Teile zerrissen, manchmal hatte man sie verbrannt, und lediglich einige Stücke Asche waren davon übrig. Diese Teile trug sie dann hoch in ihr Apartment, in dem sie eines ihrer Badezimmer zu einer Art Garbologie-Werkstatt umfunktioniert hatte. Der Raum war mit Schalldämmung ausgestattet, so dass keine Geräusche nach außen dringen konnten. Über dem Klo war ein großer Tisch angebracht, an diesem konnte sie arbeiten. Eine große Lampe sorgte für ein taghelles Arbeitslicht und verschiedene Arten von Klebeband waren stets in Griffnähe. In stundenlanger Kleinarbeit versuchte Lorenz, die zerrissenen Briefe und geschredderten Dokumente wie Puzzles wieder zusammenzusetzen.

Natürlich habe ich mich gefragt, wie das hätte gehen sollen: Musste Marita Lorenz ihren Beruf vor ihrer Familie nicht verheimlichen? Und wie hätte ihr das gelingen sollen, diesen Raum und ihre garbologischen Tätigkeiten vor ihrem Mann und ihren Kindern geheim zu halten? Doch Lorenz fuhr einfach fort und erzählte, dass wenn die Sache komplizierter und die Dokumente größer gewesen seien, sei es vorgekommen, dass sie die Papierschnipsel im Wohnzimmer auf dem Spannteppich ausgebreitet habe. Ihre Tochter Monica und ihr Sohn Mark hätten ihr manchmal geholfen, die Einzelteile zusammenzusetzen. Das habe oftmals einen spielerischen Charakter gehabt.

In dieser Lebensphase sei die staatlich finanzierte Arbeit zu einer Art Detektivspiel geworden, welches sie ihrem familiären Alltag nicht entfremdet habe – im Gegenteil: sie habe die Garbologie in das Familienleben integrieren können. Ihr damaliger Mann Louis Yurasits hätte selbst auch im Geheimdienstbereich gearbeitet, und somit seien sie in der Familie mit diesen Dingen sehr offen umgegangen.

Mich haben diese Erzählungen sehr berührt. Natürlich: diese Phase im Leben von Marita Lorenz ist weniger abenteuerlich als ihre Liaison mit Fidel Castro kurz nach der kubanischen Revolution. Sie ist auch weniger spannend als etwa die Episode, wo man sie mitten im venezolanischen Regenwald ausgesetzt hat, um sie verschwinden zu lassen. Auch ihre Ausbildung zur Guerillakämpferin im Kreis von Exilkubanern in den Everglades von Florida klingt aufregender. Aber wenn Marita Lorenz über die Zeit der Garbologie in jenem New Yorker Apartment erzählt, dann berichtet sie auch davon, wie sicher und aufgehoben sie sich damals gefühlt hat. Vielleicht hat Marita Lorenz zwei Seelen in ihrer Brust, und die eine strebt nach dem Abenteuer, dem Risiko, und damit nach dem, was man nicht wiederholen kann; und die andere strebt nach Sicherheit, nach Geborgenheit, nach dem Alltag in einer Familie, und also nach dem, was nur als Wiederholung möglich ist. Und vielleicht kamen sich in ihrem Leben das Unwiederholbare und das Wiederholbare nie näher als in der Zeit der Garbologie. Und diese heißt wohl auch: Eine gewisse Art der Liebe und eine gewisse Art des Arbeitens lebten friedlich unter einem Dach. Und wer von uns suchte dies nicht?
(Theater Oberhausen)

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