Ayana Goldstein und Mervan Ürkmez
© Machado Rios
„Das Mädchen, mit dem die Kinder“
nicht verkehren durften
Irmgard Keun
Premiere: 5. Oktober 2019

Nein, mit diesem Mädchen ist alles in Ordnung – so in Ordnung, wie die Dinge nur sein können, wenn man ungestüm ist und seinen eigenen Kopf hat und leider immer etwas schief geht, wenn man mal eben etwas Tinte auf das Fräulein Löwenich spritzen muss, weil das Fräulein Löwenich zur Mutter sagt, sie erziehe das Kind nicht richtig und es müsse nur eine Weile in den Schrank gesperrt werden, dann werde es wohl ganz bald artig, und dann ist direkt die ganze Person blau und alle regen sich furchtbar auf und der verfärbte Kragen muss bezahlt werden; hätte der Vater deshalb lieber einen Jungen, wie er beim Stammtisch verkündet? Warum haben sie mich denn nur erst angeschafft? Vielleicht kaufen sie die Kinder ja in einem Hort, und Mädchen sind billiger. Ich kenne Jungen wie Herbert Bulle, der niedlichen kleinen Schmetterlingen die Flügel ausreißt und keinen einzigen Klimmzug machen kann und vor Angst schreit und in den Stadtwaldgraben fällt, wenn ich ihn mal eben reinschubse. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, warum so ein Junge mehr wert sein soll als ein Mädchen.

Wir laufen mit unserer namenlosen Heldin durch Köln, schwänzen die Schule, begleiten sie zum Rübenklauen auf den Bahnhof, erleben ihren Alltag: Früher hatten wir mal zu Haus Töpfe aus Kupfer, da sind aber Kanonen draus gemacht worden, darum mussten Hänschen Lachs und ich einfache graue Emailtöpfe tragen als Helme.

Dieses Mädchen ist Suffragette und Mutter Teresa und Michel aus Lönneberga und vor allem ein untrüglicher Seismograf für die herrschenden Verhältnisse, in denen es lebt.

Gemeinsam begeben wir uns auf die Suche nach dem widerspenstigen Kind in uns und befragen die Umstände, die uns zu der Person machen, die wir sind.

Irmgard Keun wurde 1905 in Charlottenburg bei Berlin geboren. Mit ihrem Romanen „Gilgi, eine von uns“ und „Das kunstseidene Mädchen“ wurde sie 1931 schlagartig berühmt. 1936 flüchtete sie vor den Nationalsozialisten in die Niederlande, im selben Jahr veröffentlichte sie „Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften.“

Hannah Biedermann studierte Schauspiel in Köln und Szenische Künste an der Universität Hildesheim. Sie inszenierte u.a. am Berliner Grips-Theater, Junges Ensemble Stuttgart und Schauspielhaus Bochum. 2007 gründete sie die Theatergruppe pulk fiktion, mit der sie nach genreübergreifenden und interdisziplinären Formen für junges Publikum sucht. pulk fiktion wurde 2016 mit dem George Tabori Förderpreis ausgezeichnet. Im gleichen Jahr erhielt Hannah Biedermann den Förderpreis für junge Künstler*innen NRW und wurde für die Arbeit „entweder und“ am JES Stuttgart mit dem FAUST 2017 ausgezeichnet.
(Theater Oberhausen)

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